HFV 2020/21

Interview mit HFV-Präsident Stefan Reuß: „Gesundheit steht an erster Stelle“

Die aktuelle Infektionslage zwingt auch den Hessischen Fußball-Verband zur Aussetzung des Spielbetriebes, zudem ist das Training behördlich nicht gestattet. Zu diesen Maßnahmen und möglichen Alternativen antwortet der Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes, Stefan Reuß, auf die Fragen von Matthias Gast (HFV-Referent Öffentlichkeitsarbeit).
Hallo Herr Reuß, das Land Hessen hat die Austragung von Fußballspielen ab 2. November untersagt. Wieso hat der HFV zusätzlich die Spiele des vorhergehenden Wochenendes abgesetzt?
Reuß: Die Infektionslage hatte sich in diesen Tagen im Oktober dramatisch zugespitzt, was dazu führte, dass viele Kreise den Spielbetrieb bereits ohnehin für diese Zeit abgesetzt hatten. In kreisübergreifenden Ligen gab es ein verzerrtes Bild, zudem waren diverse Sportanlagen bereits geschlossen. Zur Vereinheitlichung des Spielbetriebes war dies die sinnvollste Lösung.

Und wieso wurde der Spielbetrieb direkt bis zum Ende des Jahres ausgesetzt?
Reuß: Das Präsidium hat sich mit den Kreisfußballwarten und Regionalbeauftragten darauf geeinigt, da wir im Frühjahr bereits einen 14-tägigen Trainingsvorlauf bis zum Start des Spielbetriebes festgelegt haben, vor allem, um die Verletzungsgefahr der Spielerinnen und Spieler zu reduzieren. Insofern wäre – wenn die behördlichen Beschränkungen nur bis Ende November gültig wären, was auch unklar und von den Infektionszahlen abhängig ist – der Termine am 20. Dezember das erste mögliche Spieltagswochenende und das einzig mögliche vor Weihnachten. Das würde – selbst wenn es funktionieren würde – so wenig Sinn machen.

Aber trainiert werden darf in dieser Zeit?
Reuß: Das kommt auf die behördliche Verfügungslage an. Der Hessische Fußball-Verband gibt Empfehlungen und Ratschläge, aber kann und möchte keinen Trainingsbetrieb verbieten. Wenn es durch das Land Hessen gestattet ist, darf selbstverständlich trainiert werden.

Gilt das behördliche Trainingsverbot im November auch für die Jugend? Für die ist die Bewegung und die Bindung an den Sport besonders wichtig.
Reuß: Da haben Sie vollkommen recht, das sehen wir genauso. Es ist besonders wichtig, Bewegungsangebote für die Kinder und Jugendlichen zu schaffen und Ihnen im Vereinsumfeld Halt zu geben. Leider liegt diese Entscheidung nicht in unserer Hand. Wir sind jedoch mit politischen Entscheidungsträgern im Gespräch, um für unsere jungen Mitglieder eine Ausnahmeregelung zu erwirken. Versprechen kann ich in dieser Hinsicht jedoch leider nichts.

Anfang November hat das Land Hessen die Einschränkungen noch strenger verfasst, beispielsweise dass man auch nicht zu zweit oder mit Mitgliedern des eigenen Hausstandes auf Sportplätzen kicken darf. Nun wurden die Regelungen wieder gelockert. Was bedeutet das für den Fußballsport?
Reuß: Diese Punkte betreffen in erster Linie andere Sportarten mit weniger Teilnehmern, aber auch der Fußball ist davon berührt, wenn beispielsweise wenige Kinder auf einem Bolzplatz kicken möchten. Daher ist diese Angleichung an die Regelung anderer Bundesländer sinnvoll und für alle Sporttreibenden natürlich vorteilhaft.

Und wann kann es mit der Saison weitergehen?
Reuß: Natürlich kann das in den heutigen Zeiten der Corona-Pandemie niemand genau prognostizieren, aber wir hoffen, dass wir Mitte Januar die Saison wieder aufnehmen können. Das ist aber neben den Infektionszahlen auch von den meteorologischen Bedingungen und der Bespielbarkeit der Sportplätze abhängig.

Was können die HFV-Mitglieder in der spielfreien Zeit tun?
Reuß: In diesem Rahmen bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Einerseits sollte man sich als Sportler und zur Förderung des Immunsystems weiterhin fit halten. Mit welcher körperlichen Betätigung – also beispielsweise Joggen oder Radfahren – das geschieht, kann selbstverständlich jeder am besten selbst auswählen. Darüber hinaus bieten wir hoch interessante Online-Seminare an, zum Beispiel das HFV-Pilotprojekt „Trotz Corona sicher durch die kalte Jahreszeit“. Eine weitere Alternative, nicht nur für unsere jungen Fußballer, bietet das bereits zum zweiten Mal angebotene Turnier im Bereich eFootball, der „HFV-StayAtHomeAgain Cup 2020“. Dabei messen sich fußballbegeisterte Hessen vom 27. November 2020 bis 31. Januar 2021 auf der PlayStation 4 im Spiel FIFA 21. Das ist eine Bewegung, die starken Zulauf erfährt und die man in diesem Rahmen auch durchaus testen kann.

Wie kann ich daran teilnehmen?
Reuß: Alle hessischen Fußballvereine können Mannschaften, bestehend aus drei bis fünf Teammitgliedern, für das Turnier melden. Nach einer Gruppenphase wartet für die Mannschaften eine K.O.-Runde im Best-Of-Three-Format. Gespielt wird wie im Rahmen der ersten Ausgabe an den Wochenenden zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend nach individueller Terminabsprache. Weitere Informationen stehen auf der Homepage des Hessischen Fußball-Verbandes unter der Rubrik Fußball – Breitensport.

Was möchten Sie gerne noch besonders erwähnen?
Reuß: Die Gesundheit unserer Mitglieder steht für uns klar an erster Stelle. Danach handeln wir im Rahmen unserer behördlich vorgegebenen Möglichkeiten. Wir wollen, dass Fußball gespielt wird, aber nur solange wir davon ausgehen können, dass dadurch niemand gefährdet wird. Dies wird umso früher geschehen können, je mehr alle in ihrem privaten Umfeld darauf achten, dass Infektionen vermieden werden.

Präsidentenkonferenz appelliert: Trainingsbetrieb wieder zulassen

Die Präsidenten der Regional- und Landesverbände im Deutschen Fußball-Bund haben sich im Rahmen ihrer heutigen Konferenz gemeinsam mit DFB-Präsident Fritz Keller nachdrücklich dafür ausgesprochen, bundesweit den Trainingsbetrieb im Amateursport wieder zuzulassen. Der an die Politik gerichtete Appell bezieht sich in erster Linie auf die Möglichkeit des organisierten Sporttreibens für Kinder und Jugendliche unter freiem Himmel und schließt dabei ausdrücklich nicht nur den Fußball ein.
Als vorbildhafte Beispiele sieht die Präsidentenkonferenz die aktuellen Lösungen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Das Landeskabinett in Mecklenburg-Vorpommern hatte entschieden, das von der Bund-Länder-Konferenz ausgesprochene Pauschalverbot von Freizeit- und Amateursport, welches lediglich den Individualsport allein, zu zweit oder mit dem eigenen Hausstand vorsieht, nicht für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren im Vereinssport anzuwenden, sondern dort weiter Trainingsbetrieb zu erlauben. In Berlin gilt die Sonderregelung, dass Vereinssport für Kinder bis zwölf Jahren unter Auflagen gestattet ist.

DFB-Präsident Fritz Keller erklärt: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, für die Gesundheit, die Gesellschaft und nicht zuletzt für unsere Kinder. Nach allen bisher vorliegenden Erkenntnissen und Zahlen birgt die Ausübung von Freiluftsport – auch in Mannschaftssportarten – kaum ein Ansteckungsrisiko. Dies hat Prof. Dr. Tim Meyer als anerkannter Experte und Leiter der Medizinischen Kommission des DFB in den vergangenen Wochen öffentlich nachvollziehbar erläutert. Aktiver Sport stärkt verschiedene gesundheitsförderliche Aspekte, zudem hat er eine hohe gesellschaftliche und soziale Bedeutung – ohne in diesen schwierigen Zeiten für eine erhöhte Gefährdung zu sorgen. Vor diesem Hintergrund und in Verbindung mit den bewährten Hygienekonzepten ist es wichtig, vor allem Kindern und Jugendlichen schnell wieder die Möglichkeit zu bieten, ihren Bewegungsdrang gemeinsam im sportlichen Trainingsbetrieb auszuleben. Sport ist wichtiger denn je.“

Dr. Rainer Koch, 1. DFB-Vizepräsident und Vorsitzender der Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten, sagt: „Der Breitensport und seine Vereine bewegen Großes, gerade wenn es darum geht, Gesundheitsvorsorge zu betreiben. Die Vereine haben in den vergangenen Monaten gemeinsam mit den Verbänden enorme Anstrengungen unternommen und die Herausforderungen ebenso hervorragend wie verantwortungsvoll bewältigt. Dass sie aktuell zur sportlichen Untätigkeit verurteilt sind, tut weh. Das generelle Verbot des Trainingsbetriebs sollte zumindest für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aufgehoben werden, dies gilt nicht nur für den Fußball, sondern zumindest für alle Sportarten, die an der frischen Luft ausgeübt werden.“

Erst in der vergangenen Woche waren die Ergebnisse einer internationalen Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO publik geworden, wonach sich in Deutschland knapp 80 Prozent der Jungen und 88 Prozent der Mädchen zu wenig sportlich bewegen. Die Zahlen fußen auf Umfragen, die von der WHO im Zeitraum zwischen 2001 und 2016 unter 1,6 Millionen Schüler*innen in 146 Ländern durchgeführt wurden. Laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sollten sich Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde pro Tag körperlich betätigen. Die Sportvereine, unterstreicht die Präsidentenkonferenz der Regional- und Landesverbände, bieten dazu in Deutschland die besten Voraussetzungen.
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